»Dein Reich komme.« So beten und bitten wir im Vaterunser um das Kommen seines Reiches. Und selbstverständlich glauben wir, dass wir dieses Reich begrüßen würden, wenn es erscheinen wollte. Denn wir bitten ja darum und Jesus sagt: »Bittet, so wird euch gegeben«. Doch angesichts des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg stellt sich die Frage: Nähmen wir es wirklich freudig auf oder vielleicht doch eher nur murrend zur Kenntnis? Wäre es uns recht oder würden auch wir uns entrüsten, – auch wir, die wir beten: »Dein Reich komme«?
Die Bitte um das Himmelreich beinhaltet die Bereitschaft zur Buße: »Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!« Diese Aufforderung steht am Anfang der Predigt vom Himmelreich. »Ändert euer Sinnen und Trachten, denket um und kehret um!« Wie dem Tag die Morgenröte, so geht dem nahenden Himmelreich dieser Herold voran, der uns zuruft: »Kinder Adams, wandelt eure Sinnesart! Denn wie soll der neue Tag anbrechen, wenn nicht die Gnadensonne zuvor die alte Nacht besiegen und ihre Stätte blutrot färben darf?«
Daher lasse dich infrage stellen von der großen Güte Gottes! Ihr Wille ist es offenbar, allen denselben Lohn zu zahlen, allen Arbeitern des Wein-bergs, ob sie sich nun am Morgen oder am Abend haben einstellen lassen. Im Vaterunser beten wir: »Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.« Und wenn er geschieht, dann ist das Geschrei groß, dann trachten wir danach, diese himmlische Ordnung zu unterlaufen. Wenn alle denselben Lohn erhalten, dann bräuchten alle erst um die elfte Stunde erscheinen. So könnten wir seiner Güte den Boden entziehen und wieder unsere Ordnung aufrichten, gleicher Lohn für gleiche Arbeit.
Wollen wir uns wirklich nicht infrage stellen las-sen? Kinder Adams, hört die Fragen eures Herrn, und geht in euch, ändert euren Sinn! Denn so spricht der Herr: »Freund, ich behandle dich nicht ungerecht; bist du nicht mit mir um einen Denar übereingekommen?«
Ungerechtigkeit sollten wir ihm nicht vorwerfen, denn den Bund, den er früh mit uns geschlossen hat, den hat er gewiss nicht gebrochen. Der Vorwurf, den wir ihm machen, der fällt auf uns zurück. Das Gesetz klagt uns an. Wir wittern überall Ungerechtigkeit, weil wir selbst ungerecht sind. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, das klingt gut, schließt aber auch in sich: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Auch das ist gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Wann darf seine Gnadensonne endlich aufgehen? Sie bricht das Gesetz nicht, oh nein, aber sie bringt es zum Schmelzen wie die Sonne im Frühling den Schnee des kalten, lieblosen Winters, so dass aus ihm das lebendige Wasser frei fließender Erbarmungen wird.
»Ist es mir nicht erlaubt, mit dem Meinen zu tun, was ich will?«
Den Lohnarbeitern mag der Lohn gehören, aber sicher nicht der ganze Gott, sicher nicht das Göttliche in seiner Fülle. Mit dem Lohn in der Ta-sche ziehen sie von dannen, und der Herr schaut ihnen nach, – mit einer Träne im Auge. Wollen wir seine Knechte bleiben oder seine Kinder werden? Wir beten doch: »Unser Vater im Himmel«, also wollen wir seine Kinder werden. Deswegen fort mit der Verdienstmentalität, denn was den Knechten ver-schlossen bleibt, das steht den Kindern offen, das Herz ihres Vaters. Weil ihnen nichts gehört, deswegen gehört ihnen alles. »Selig die Armen im Geiste, ihnen gehört das Himmelreich.« Wären wir so arm und hät-ten wir alle Dinge gelassen und uns selbst, dann hätten wir unseren Vater gefunden und den Him-mel dazu, denn dort ist er Zuhause. Doch solange wir noch wähnen, einen Anspruch auf dies und das zu haben, sind wir armselige Knechte und manchmal auch murrende, wenn wir nämlich wieder einmal erfahren müssen, dass es mehr gibt als Mein und Dein: Die Liebe, das Lächeln unserer Kinder, die Wärme und das Licht der Sonne und die Luft zum Atmen.
»Oder blickt dein Auge böse, weil ich gütig bin?« Bedenke doch: »Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!«
Er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. Und deswegen verfinstert sich dein Gemüt? Deswegen ziehen Neid und Mißgunst auf? Wenn schon vor dem Gesetz alle Menschen gleich sind, warum sollten sie dann nicht erst recht vor seiner Liebe alle gleich viel wert sein? Bedenke dies und werde still! Dein Widerstand gegen den gütigen Gutsbesitzer ist dein Widerstand gegen das Himmelreich. Sag Ja zum Himmelreich! Gib deinen Widerstand auf! Es ist dir so nahe gekommen. Darum lasse dich besiegen von der großen Güte Gottes.