Archiv für die Kategorie „Geistliche Texte“

Mensch, werde Engel!

Sonntag, 23. November 2008
Religionen geben uns Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Antwort meiner Religion lautet so: Der Mensch ist die Krone der Schöpfung und zugleich doch nur die unterste Stufe einer geistigen Schöpfung, die wir gewöhnlich »Himmel« nennen. Denn ein Mensch kann bekanntlich schlimmer sein als ein wildes Tier, eine Bestie. Deswegen sagen wir: Das Spitzenerzeugnis der Natur, der Mensch, steht erst am Anfang seiner Menschwerdung. Was heißt das?

Von der Menschwerdung des Menschen berichtet die Bibel im sogenannten Schöpfungsbericht. »Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde …« Sie kennen diese Geschichte. Am sechsten Tag schuf Gott den Menschen. »Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich.« Der Mensch ist demnach als Ebenbild Gottes gedacht. Und weil Gott die Liebe und die Weis-heit ist, ist der Mensch also so eingerichtet, dass er diese göttlichen Kräfte aufnehmen und verkörpern kann. Das ist seine Bestimmung und seine besondere Würde vor allen anderen Geschöpfen. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich freilich ein anderes Bild vom Menschen ausgebreitet, das ihn als Tier sieht, beherrscht von unbewussten Trieben. Doch das ist nicht das biblische Bild. Ich möchte Ihnen die alte, biblische Weisheit nahebringen.

Dem Menschen ist ein Ziel gegeben. Zwischen Welt und Gott gestellt, soll er sich für Gott entscheiden. Als Krone der Schöpfung schaut er auf die Kreatur zurück und erkennt sich als etwas Besonderes, auch wenn ihm nicht klar sein mag, worin seine besondere Würde besteht. Er ist berufen, ein Engel zu werden. Emanuel Swedenborg sagte, das Ziel der Schöpfung sei »ein Engels-himmel aus dem menschlichen Geschlecht« (GLW 330). Entscheidet sich der Mensch für die Richtung nach oben oder innen, dann wird er in den Prozess einer zweiten Geburt hineingenommen, die Jesus mit den Worten andeutete: »Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.« Diese Geburt bringt den inneren Menschen oder eben den Engel im Menschen zum Vorschein.

Verwirkliche daher in jeder Situation Deines Lebens Liebe gepaart mit Weisheit und vertraue darauf, dass Gott und seine Engel Dir dabei helfen. Denn der Sinn des Lebens besteht in der Entfaltung der Himmelskräfte im Menschen. Mensch, werde Engel!

Der Atem des Lebens

Sonntag, 23. November 2008
In der Bibel heißt es: »Gott der Herr formte den Menschen aus dem Staub der Erde und blies den Atem des Lebens in seine Nase; so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.« In der ethischen Diskussion um die Organentnahme spielen die Begriffe Hirntod und Herztod eine Rolle. Das Leben und der Tod werden also mit dem Gehirn oder dem Herzen in Verbindung gebracht. Demgegenüber bringt die Bibelstelle aus dem Buch Genesis des Alten Testaments das Leben mit dem Atem und mit der Nase oder der Lunge in Verbindung. Diese Vorstellung hat sich bis in unsere Tage erhalten: Denn auch wir sprechen noch davon, dass jemand sein Leben ausgehaucht hat.

Was ist der tiefere Sinn der Bindung des Lebens an den Atem? Unser Wort Atem ist mit dem altindischen Atman oder Atma verwandt. In der indischen Philosophie bezeichnet es das Selbst des Geistes. Atma ist Bestandteil des Ehrentitels Mahatma, der großer Geist bedeutet. Der Atem weist uns also auf das innere Wesen des Menschen. Auf dieselbe Spur führt uns auch die Ursprache des Alten Testaments. Dort steht für Atem das hebräische Wort Neschama. Es ist mit dem Geist (Ruach) sinnverwandt, der nach der Schöpfungsgeschichte von Genesis 1 noch über dem Wasser schwebte. Im zweiten Schöpfungsbericht, aus dem unsere Bibelstelle stammt, wird er dem Adam jedoch in die Nasenlöcher geblasen, so dass Gottes Atem zu seinem Atem wird. Gottes Geisthauch wird zur Innenerfahrung des Menschen. Diese Zusammenhänge können hier nur angedeutet werden, aber wiederum ist es so, dass der Atem den göttlichen Geist im Menschen meint. Diese alten Menschheitstraditionen wollen uns also sagen, dass der Ichgeist nur im gemeinschaftlichen Atmen mit dem Urgeist lebt.

Lassen Sie mich noch einen Blick in das Neue Testament werfen. Nach dem Bericht des Johannesevangeliums hauchte der Auferstandene seine Jünger an und sagte zu ihnen: »Nehmt hin den heiligen Geist!« (Joh 20,22). Wieder sehen wir, dass die Mitteilung des Lebens durch den Atem erfolgt. Der Mensch des Neuen Bundes wird genauso belebt wie der Adam des Alten Bundes: durch das Einhauchen des Geistes.

Die lateinische Bibel hat den Akt der Einhauchung des Atems in die Nase Adams mit inspirare übersetzt. Damit schließt sich der Kreis unserer kurzen Betrachtung. Denn Inspiration bedeutet in der Sprache der Medizin Einatmung. Gleichzeitig bedeutet es aber auch Eingebung, Einfall, ja sogar Erleuchtung. Der Atem bezeichnet daher nicht nur die Gabe des göttlichen Geistes, sondern auch das, was dieser Geist in der Seele bewirkt, nämlich die Inspiration.

Die Dikussion um Leben und Tod sollte nicht auf die biologische Dimension reduziert werden. Die Stimme der Religionen weist uns auf eine höhere, spirituelle Dimension des Lebens hin. Im Lichte der Gemeinschaft unseres Atems mit dem göttlichen Atem ist das physische Leben nur die Keimzelle des ewigen Lebens. Aus spiritueller Sicht ist es nicht ausreichend, dem Leben Tage und Jahre hinzuzufügen. Vielmehr sollte unseren Tagen und Jahren Leben, geistiges Leben hinzugefügt werden. Dazu wünsche ich Ihnen die nötige Inspiration.

Die Bibel antwortet uns in Bildern

Sonntag, 23. November 2008
Allem Anschein nach geht es im Alten Testament um die Geschichte Israels und im Neuen Testament um die Geschichte Jesu. Doch was gehen diese längst vergangenen Geschehnisse uns heute an? Die Antwort meiner Kirche lautet: Die Bibel antwortet uns in Bildern. Denn die Geschichten von damals veranschaulichen Erfahrungen, die auch heute noch jeder Mensch in seinem Glaubensleben machen kann.

Ein Beispiel: Stellen sie sich ein Schiff vor! In der Bibel begegnet uns dieses Bild mehrfach. Sie kennen die Geschichte von der Arche Noah. Noah sollte ein Schiff bauen. Er, seine Familie und die Tiere sollten darin vor der großen Flut, der Sintflut, gerettet werden. Das Schiff ist ein Bild für die Geborgenheit in Gott. Werfen wir einen Blick in das Neue Testament! Jesus wirkte am Galiläischen Meer. Seine ersten Anhänger waren Fischer. Daher spielt das Boot in den Jesuserzählungen eine nicht unwichtige Rolle. Einmal wollte Jesus mit seinen Jüngern in einem Boot zum anderen Ufer hinüberfahren. Als sie mitten auf dem See waren, erhob sich ein gewaltiger Sturm. Die Wellen schlugen ins Boot. Und was tat Jesus? Er schlief. Angsterfüllt weckten die Jünger ihren Meister. Der stand auf und brachte den Wind mit der Kraft seines Wortes zum Schweigen. Dann sagte er: »Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?« Das Boot symbolisiert das menschliche Leben. In stürmischen Zeiten haben wir den Eindruck: Gott schläft, sonst könnte er das alles nicht zulassen. Doch die Bibel sagt: »Der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.« (Ps 121,3).

Biblische Bilder erschließen sich uns, wenn wir auf unsere Erfahrungen und auf unsere Sprache achten. Denn die Sprache ist eine Schatztruhe gesammelter, menschlicher Erfahrungen. So sagen wir beispielsweise: »Wir sitzen doch alle im gleichen Boot.« Das heißt: Wir sind zum Zusammensein verurteilt. Wir sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen, ob wir wollen oder nicht. Und dennoch versuchen wir nicht selten, einander »auszubooten«, beispielsweise am Arbeitsplatz. Dabei sitzen wir alle im gleichen Boot und könnten von der nächsten Kündigungswelle über Bord gespült werden. Oft müssen wir »gefährliche Klippen umschiffen«. Denn wir wollen nicht zu den »gestrandeten Existenzen« gehören, zu den mensch-lichen »Wracks«. Wir wollen nicht »Schiffbruch erleiden«.

Manchmal fühlen wir uns hoffnungslos überfordert. Erinnern sie sich dann doch bitte an die biblischen Bilder von Schiffen in Fluten und Stürmen! Und an das Wort: »Der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.« (Ps 121,3)

Das weiße Pferd

Sonntag, 23. November 2008
»Und ich sah den Himmel geöffnet, und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß … heißt: Das Wort Gottes.«

Diese Vision hatte Johannes auf der Insel Patmos. Seine Visionen sind gesammelt im letzten Buch der Bibel. Sie handeln von der Endzeit der Kirche und dem Kommen einer neuen, spirituellen Religion.

Auch der schwedische Gelehrte Emanuel Swedenborg hatte Visionen, – und eine Vorliebe für die Offenbarung des Johannes. Das weiße, lichte Pferd deutete er als Symbol für das reine, lichte Verständnis des Wortes Gottes.

Das Pferd ist das schnellste Tier, das der Mensch sich untertan machen konnte. Daher ist es das Symbol für die Kraft, die die innere Entwicklung am schnellsten vorwärts bringt. Und das ist das Verständnis seelisch-geistiger Prozesse. Das Pferd steht für diese Dynamik des Geistes, die nicht eher ruht, bis sie verstanden hat.

Die alten Völker erblickten das Pferd in Verbindung mit der Sonne. In der vedischen Mythologie heißt es, dass die Morgenröte das weiße Pferd, nämlich die Sonne, führe. An anderer Stelle wird die Sonne »Hengst« genannt. Bekannt ist die Darstellung des griechischen Sonnengottes Helios, der in einem weißen Viergespann über den Himmel fährt. Und bei den meisten indogermanischen Völkern galt das Pferd als weissagendes Tier. Schon Herodot wusste vom Rossorakel der Perser zu berichten. Diese Beispiele aus der Mythologie zeigen: Das weiße Pferd steht mit der Sonne und ihrem Licht in Verbindung. Es ist das Reittier der Gottheit.

Das ist es auch in der Apokalypse. Christus, das lebendige Wort Gottes, der göttliche Herrscher, reitet auf einem weißen Pferd. Dieses Pferd deutet das lichtvolle Verständnis der christlichen Überlieferung an. Dieses Pferd deutet die Erleuchtung an.

Denn das Christentum ist nicht am Ende. Zwar gehen den Kirchen die Gläubigen verloren, aber die Sehnsucht nach echter Spiritualität macht sich bemerkbar. Das weiße Pferd kommt uns entgegen. Die Dynamik des Geistes, die nicht ruht, bis sie versteht, erwacht und bemächtigt sich der religiösen Traditionen.

Das Pferd des Sonnengottes kommt. Schon ist der Himmel geöffnet. Schon hören wir den Hufschlag. Schon sehnt sich die Menschheit nach Licht, nach einer Religion für eine erwachende Menschheit, die nicht mehr blind glauben, sondern sehen und verstehen will.

Stichwort Kreuz

Sonntag, 23. November 2008
Das Kreuz ist zum Symbol des Christentums geworden. Im Kreuz verdichtet sich der Sinngehalt dieser weltumspannenden Erlösungsreligion. Doch die Deutung des Todes Jesu ist keineswegs eindeutig. Die mittelalterliche Vorstellung vom Zorn Gottes, der die Sünder mit dem Tod bestraft und dieses Strafgericht stellvertretend an seinem Sohn vollzieht, der dadurch Genugtuung erwirkt, – diese Vorstellung ist als falsch erkannt worden. Gott ist nicht ein Gott des Zornes, sondern der Liebe. Menschen können sich doch auch untereinander durch ein liebendes Wort Versöhnung und Freundschaft zusprechen. Sollte dem großen Gott das nicht möglich sein? Mußte er die Versöhnung so blutig inszenieren?

Swedenborg hat die folgende Deutung des Todes Jesu anzubieten. Das Kreuz war demnach die letzte Versuchung Jesu. Er hatte sein Leben lang die schwersten, inneren Kämpfe zu bestehen. Als Menschen wollen wir zwar meist das Gute, gleichzeitig zeigt sich aber, daß es Mächte und Zwänge gibt, die diese guten Vorsätze verderben lassen. Theologisch gesprochen bedeutet das, der Mensch wird von der Sünde beherrscht. Er ist nicht frei zum Guten. Indem nun Gott selbst in Jesus ein menschliches Schicksal auf sich nahm, setzte er sich der Weltmacht der Sünde aus. Gott selbst wurde versuchbar, mußte kämpfen und konnte siegen oder verlieren. Diesen Kampf kämpfte Gott in Jesus, und zwar nicht nur am Kreuz, sondern von der Krippe bis zum Kreuz. Das Kreuz war aber der Höhepunkt der lebenslangen Versuchungskämpfe Jesu. Das Kreuz war die letzte Versuchung, denn dort wurde die Liebe Gottes zu den Menschen auf die schwerste Probe gestellt. Jesus mußte sich fragen, ob es sich wirklich lohne angesichts des haßerfüllten Schreies nach seiner Kreuzigung den guten Kampf weiter zu kämpfen. Würde die Liebe Gottes auch diesen letzten Angriff auf ihre guten Absichten siegreich überstehen? Oder würde Jesus angesichts des Kreuzes den einfacheren Weg wählen? Jesus entschied sich für das Kreuz, er lieferte sich dem Haß der Welt aus. Einen kurzen Moment lang konnte diese glauben, sie habe Gott verschlungen. Doch am Ostermorgen war das Grab schon wieder leer. Die Gottesmacht der Liebe hatte sich als mächtiger erwiesen als die kalte Fessel des Todes. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo dein Sieg? Mit der Auferstehung begann die Geschichte des Christentums.

Doch die Christen müssen wissen, daß sie durch diesen Sieg Gottes noch längst nicht Erlöste sind. Denn am Kreuz hat zunächst nur Jesus den Sieg davon getragen. Die Gläubigen können sich allerdings vom Heiligen Kampfgeist Gottes erfassen lassen und ebenfalls Siege erringen.

Herz und Herz vereint zusammen …

Sonntag, 23. November 2008
In einem Kirchenlied heißt es:

»Herz und Herz vereint zusammen sucht in Gottes Herzen Ruh.
Lasset eure Liebesflammen lodern auf den Heiland zu.
Er das Haupt, wir seine Glieder, er das Licht und wir der Schein,
er der Meister, wir die Brüder, er ist unser, wir sind sein.«

An die Stelle selbstzufriedener Abschließung gegenüber anderen Konfessionen ist heute ein ernstes Fragen nach der Einheit der Kirche getreten. Auf der anderen Seite nimmt der Glaube aber immer persönlichere Formen an und wird sich kaum noch vereinheitlichen lassen. Ist die Einheit damit nicht in unerreichbare Ferne gerückt ?

Emanuel Swedenborg sah das Wesentliche der Religionen im Tun des Guten: »Alle Religion ist eine Angelegenheit des Lebens, und ihr Leben besteht im Tun des Guten.« Die Einheit der Konfessionen und Religionen sollte nicht in der Vereinheitlichung ihrer Lehren gesucht werden. Denn das Wesentliche der Reli-gionen besteht im Tun des Guten. Und darin können wir uns trotz unterschiedlicher Lehren als die Kinder eines Gottes erleben. Alle Religionen sind Wege zu Gott und somit kann jeder Mensch selig werden, der seine Religion zu einer Sache seines Lebens macht.

Die Christen untereinander sind gespalten, weil den Glaubensgemeinschaften die Reinhaltung ihrer Lehren wichtiger ist, als die Reinigung ihrer Herzen. Swedenborg schrieb: »In der Christenheit unterscheiden sich die Kirchen nach ihren Lehren. Daher nennen sie sich römisch-katholische, lutherische, calvinische oder reformierte und evangelische Kirche usw. Man nennt sie so lediglich aufgrund ihrer Dogmen und Bekenntnisschriften. Ganz anders verhielte es sich, wenn man die Gottes- und Nächstenliebe zur Hauptsache des Glaubens machen würde. Dann nämlich wären die Lehren nur noch verschiedene Meinungen in den Geheimnissen des Glaubens. Und die wahren Christen würden sie dem Gewissen jedes einzelnen überlassen und in ihrem Herzen sagen: Ein wahrer Christ ist ohnehin nur, wer christlich, nämlich wie es der Herr gelehrt hat, lebt. So würde aus den verschiedenen Kirchen eine einzige entstehen. All die Streitigkeiten, die nur aus der Lehre hervorgehen, würden verschwinden. Ja, der gegenseitige Haß würde sofort aufhören und das Reich des Herrn könnte auf Erden Wirklichkeit werden.«

Diese Ideen regten den Swedenborgianer Charles Bonney an, ein Parlament der Religionen ins Leben zu rufen. Es tagte 1893 und gilt heute als der Beginn des interreligiösen Dialogs. Zum 100. Jahrestag 1993 nahm dieses Parlament eine »Erklärung zum Weltethos« an. Sie geht von einem gemeinsamen Bestand an Werten aus. Der Glaube, der sich seiner ethischen Konsequenzen bewußt wird und zur Tat reift, kann die Religionen und Konfessionen zusammenführen.

Sag Ja zum Himmelreich

Sonntag, 23. November 2008
»Dein Reich komme.« So beten und bitten wir im Vaterunser um das Kommen seines Reiches. Und selbstverständlich glauben wir, dass wir dieses Reich begrüßen würden, wenn es erscheinen wollte. Denn wir bitten ja darum und Jesus sagt: »Bittet, so wird euch gegeben«. Doch angesichts des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg stellt sich die Frage: Nähmen wir es wirklich freudig auf oder vielleicht doch eher nur murrend zur Kenntnis? Wäre es uns recht oder würden auch wir uns entrüsten, – auch wir, die wir beten: »Dein Reich komme«?

Die Bitte um das Himmelreich beinhaltet die Bereitschaft zur Buße: »Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!« Diese Aufforderung steht am Anfang der Predigt vom Himmelreich. »Ändert euer Sinnen und Trachten, denket um und kehret um!« Wie dem Tag die Morgenröte, so geht dem nahenden Himmelreich dieser Herold voran, der uns zuruft: »Kinder Adams, wandelt eure Sinnesart! Denn wie soll der neue Tag anbrechen, wenn nicht die Gnadensonne zuvor die alte Nacht besiegen und ihre Stätte blutrot färben darf?«

Daher lasse dich infrage stellen von der großen Güte Gottes! Ihr Wille ist es offenbar, allen denselben Lohn zu zahlen, allen Arbeitern des Wein-bergs, ob sie sich nun am Morgen oder am Abend haben einstellen lassen. Im Vaterunser beten wir: »Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.« Und wenn er geschieht, dann ist das Geschrei groß, dann trachten wir danach, diese himmlische Ordnung zu unterlaufen. Wenn alle denselben Lohn erhalten, dann bräuchten alle erst um die elfte Stunde erscheinen. So könnten wir seiner Güte den Boden entziehen und wieder unsere Ordnung aufrichten, gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

Wollen wir uns wirklich nicht infrage stellen las-sen? Kinder Adams, hört die Fragen eures Herrn, und geht in euch, ändert euren Sinn! Denn so spricht der Herr: »Freund, ich behandle dich nicht ungerecht; bist du nicht mit mir um einen Denar übereingekommen?«

Ungerechtigkeit sollten wir ihm nicht vorwerfen, denn den Bund, den er früh mit uns geschlossen hat, den hat er gewiss nicht gebrochen. Der Vorwurf, den wir ihm machen, der fällt auf uns zurück. Das Gesetz klagt uns an. Wir wittern überall Ungerechtigkeit, weil wir selbst ungerecht sind. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, das klingt gut, schließt aber auch in sich: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Auch das ist gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Wann darf seine Gnadensonne endlich aufgehen? Sie bricht das Gesetz nicht, oh nein, aber sie bringt es zum Schmelzen wie die Sonne im Frühling den Schnee des kalten, lieblosen Winters, so dass aus ihm das lebendige Wasser frei fließender Erbarmungen wird.

»Ist es mir nicht erlaubt, mit dem Meinen zu tun, was ich will?«

Den Lohnarbeitern mag der Lohn gehören, aber sicher nicht der ganze Gott, sicher nicht das Göttliche in seiner Fülle. Mit dem Lohn in der Ta-sche ziehen sie von dannen, und der Herr schaut ihnen nach, – mit einer Träne im Auge. Wollen wir seine Knechte bleiben oder seine Kinder werden? Wir beten doch: »Unser Vater im Himmel«, also wollen wir seine Kinder werden. Deswegen fort mit der Verdienstmentalität, denn was den Knechten ver-schlossen bleibt, das steht den Kindern offen, das Herz ihres Vaters. Weil ihnen nichts gehört, deswegen gehört ihnen alles. »Selig die Armen im Geiste, ihnen gehört das Himmelreich.« Wären wir so arm und hät-ten wir alle Dinge gelassen und uns selbst, dann hätten wir unseren Vater gefunden und den Him-mel dazu, denn dort ist er Zuhause. Doch solange wir noch wähnen, einen Anspruch auf dies und das zu haben, sind wir armselige Knechte und manchmal auch murrende, wenn wir nämlich wieder einmal erfahren müssen, dass es mehr gibt als Mein und Dein: Die Liebe, das Lächeln unserer Kinder, die Wärme und das Licht der Sonne und die Luft zum Atmen.

»Oder blickt dein Auge böse, weil ich gütig bin?« Bedenke doch: »Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!«

Er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. Und deswegen verfinstert sich dein Gemüt? Deswegen ziehen Neid und Mißgunst auf? Wenn schon vor dem Gesetz alle Menschen gleich sind, warum sollten sie dann nicht erst recht vor seiner Liebe alle gleich viel wert sein? Bedenke dies und werde still! Dein Widerstand gegen den gütigen Gutsbesitzer ist dein Widerstand gegen das Himmelreich. Sag Ja zum Himmelreich! Gib deinen Widerstand auf! Es ist dir so nahe gekommen. Darum lasse dich besiegen von der großen Güte Gottes.

»Ich bin der Herr, dein Arzt«

Sonntag, 23. November 2008
»Ich bin der Herr, dein Arzt« (Ex 15,26). Das sagt Gott im Alten Testament. Dieser Gott wurde in Jesus Mensch und trat seinen Mitmenschen gegenüber als Heiland auf. Er erlöste die Tauben, die Blinden und die Lahmen von ihren Gebrechen. Selbst den Toten gab er neues Leben. Diese Heilungswunder geschahen damals tatsächlich und waren Zeichen der göttlichen Vollmacht Jesu.

Darüber hinaus bezogen sie sich aber auch auf die seelischen Gebrechen und Leiden damals wie heute. Das geht aus der Antwort Jesu hervor, die er einigen Pharisäern gab, die daran Anstoß nahmen, dass er mit Zöllnern und Sündern aß: »Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken … Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.« (Mt 9,12f). Jesus, der Arzt, will unsere seelischen Gebrechen heilen. Die körperlichen Krankheiten, die er damals heilte, sollten das seelisch-geistige Kranksein veranschaulichen.

Taub ist jeder von uns, der den Bedürfnissen seines inneren Menschen nicht gehorchen will. Hören und Gehorchen hängen schon sprachlich zusammen. »Kannst du denn nicht hören«, sagen wir zu unseren Kindern, wenn sie nicht gehorchen wollen. Auch als Erwachsene handeln wir oft wider besseres Wissen. Wir verschließen unsere Ohren. Erst Jahre später erkennen wir leidvoll, dass wir damals eigentlich schon alles gewußt haben, aber leider taub waren.

Blind ist jeder von uns, der nicht erkennen kann, was gut und wahr ist. Manchmal wissen wir weder aus noch ein. Wir sind blind und sehnen uns nach einem Heiland der Augen.

Lahm ist jeder von uns, der keine inneren Fortschritte macht, der jahraus jahrein derselbe Mensch bleibt mit denselben Fehlern und einfach nicht vorwärts kommt.

Und tot ist jeder von uns, der nur noch sich selbst lieben kann und das Gefühl der Mitmenschlichkeit verloren hat. Dessen Herz ist aus Stein und somit leblos.

Heute wissen wir, dass körperliche Krankheiten auch seelische Ursachen haben können; Ursachen, die wir oft nicht erkennen, die wir nur allzu gerne verdrängen. Der Seelenarzt und Swedenborgkenner Carl Gustav Jung nannte den Weg der inneren Gesundung »Individuation«; damit meinte er den Weg zum wahren Wesenskern. Swedenborg sprach von der geistigen Wiedergeburt und sah diesen Weg in den Erzählungen der Bibel dargestellt. Sie alle wußten: Gesundheit kommt von innen!

Jesus, unser Gott

Sonntag, 23. November 2008
Die Kirche des Neuen Jerusalem lehrt, daß Jesus Christus der wahre Gott ist (WCR 2). Dieser Glaube konnte sich bisher nicht durchsetzen, obwohl er auf dem Boden des Neuen Testaments und der urchristlichen Überlieferung steht.

Im Johannesprolog (Joh. 1,1-18) ist an keiner Stelle von einem Sohn, sondern nur von Gott die Rede. Im Vers 18 schreiben die ältesten und besten Textzeugen »monogenes theos« (einzig gezeugter Gott) und vom Wort (griech. Logos) heißt es, daß es Gott selbst war (Vers 1). Dieses (gott-seiende) Wort wurde Fleisch (Vers 14). Folglich lesen wir bei Johannes: »Ich und der Vater sind eins.« (Joh. 10,30). »Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.« (Joh. 14,9). Und Thomas bekennt angesichts des Auferstandenen: »Mein Herr und mein Gott!« (Joh. 20,28). Auch der 1. Johannesbrief bezeugt uns die urchristliche Gewißheit, daß Jesus Christus der wahrhaftige Gott ist: »Wir wissen aber, daß der Sohn Gottes gekommen ist und uns das Verständnis gegeben hat um den Wahrhaftigen zu erkennen; und wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben.« (1. Joh. 5,20). Der Sohn, ein Begriff, der bei vielen zur Vorstellung einer zweiten göttlichen Person führte, meint einfach nur »das Menschliche, durch das sich Gott in die Welt sandte« (WCR 92-94), also das »Fleisch« (Johannesprolog, Vers 14). Auch aus den Worten des Völkerapostels Paulus spricht das urchristliche Bewußtsein, daß Jesus die Gestalt Gottes ist. »Christus« ist das »Bild Gottes« (2. Kor. 4,4). Das griechische Wort »eikon« ist noch heute in dem Wort »Ikone« enthalten: Jesus, die Ikone Gottes. Ebenso heißt es auch im Kolosserbrief: »Er ist das Bild (eikon) des unsichtbaren Gottes.« (Kol. 1,15). Daß sich die Bildhaftigkeit Gottes auf seine Leibhaftigkeit bezieht, wird deutlich gesagt: »In ihm (Christus) wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.« (Kol. 2,9; vgl. auch 1. Tim. 3,16). Paulus und Johannes sind hier — und nicht nur hier! — in ihrem Denken sehr verwandt, was deswegen erwähnenswert ist, weil diese beiden herausragenden Persönlichkeiten des Urchristentums an sich in ihrer Wesensart sehr verschieden waren. Daher sind die Gemeinsamkeiten bei Paulus und Johannes das Urgestein christlichen Glaubens. Und zu diesem Urgestein gehört der Ruf: »Kyrios Jesus Christos« (Phil. 2,11). Das heißt: »Herr ist Jesus Christus«. Um diesen Ruf zu verstehen, muß man wissen, daß die Juden in ihrer »Bibel« (unserem alten Testament) immer dann »Adonai« (hebr. = Herr) lasen, wenn in ihren heiligen Texten JHWH (Jehova) stand. »Kyrios Jesus Christos« heißt also: Dieser Jesus, der Messias (Christus) ist der JHWH, der Jehova der heiligen Schriftrollen der Juden.

Dieses — hier mit wenigen Belegen skizzierte — urchristliche Bewußtsein war auch noch im 2. Jahrhundert vorhanden, ehe es allmählich verfinstert wurde. Caius Plinius der Jüngere läßt uns in einem berühmten Brief an Kaiser Trajan ca. 112/3 wissen, daß die christliche Gemeinde Lieder sang für »Christus als Gott« (Christo quasi deo, Brief X,96). Das ist das Urteil eines Heiden, also eine Wahrnehmung von außen. Wenden wir uns nun der Realität innerhalb der urchristlichen Gemeinde zu. Der Märtyrerbischof Ignatius von Antiochien (um 110/15), der in Rom den wilden Tieren vorgeworfen wurde, bezeichnete Christus als unseren oder meinen Gott (Eph 18,2; Röm 6,3; vgl. Smyrn 1,1. »Ich preise Jesus Christus, den Gott«; Eph 7,2: »im Fleisch erschienener Gott«). Noch eine Generation später dokumentierte der Prediger des 2. Clemensbriefes (um 140/50) die schlichte Vorstellung, man müsse »über Jesus Christus so denken wie über Gott« (2. Clem. 1,1). Das Bewußtsein vom Gottsein Christi war am Ende des 2. und am Anfang des 3. Jahrhunderts noch bei den sogenannten Monarchianern vorhanden, wenngleich ihre Vorstellungen schon nicht mehr ganz klar waren. Außerdem hatte inzwischen die philosophisch geprägte Logoschristologie Justins ihren Siegeszug angetreten und damit die Ausgangslage geschaffen, die zum Dogma von Nizäa (325) führte. Die Erben der alten Christologie konnten sich gegen diesen Hauptstrom nicht behaupten. Ihren Begriffen fehlte die geforderte philosophische Schärfe. So versank die einfache Gewißheit, Jesus ist unser Gott, im Geflecht philosophischer Konstruktionen. Erst Swedenborg hat den Sprung über die Jahrtausende hinweg vollbracht. Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts hingegen konnten sich noch nicht von den Dogmen des 4. Jahrhunderts trennen, obwohl das Bekenntnis »Kyrios Jesus Christos« das Fundament der Kirche Christi, und somit die unverzichtbare Voraussetzung für jede wirkliche Reform des Christentums ist.