Wenigstens drei berühmte Russen kannten Swedenborg persönlich und mindestens ein russisch-orthodoxer Priester nahm seine Lehren an. 1783 wurde in Moskau ein Zirkel seiner Leser gegründet und noch zu Lebzeiten Swedenborgs erschien eine russische Übersetzung von »Himmel und Hölle«. Diesem Werk folgte Anfang des neunzehnten Jahrhunderts eine Übersetzung von »Göttliche Liebe und Weisheit«, wobei damals bereits andere Lesergruppen existierten, eine der wichtigsten in St. Petersburg, und Swedenborgs Werke waren in den oberen Kreisen Russlands gut bekannt und galten als nicht im Widerspruch zu den Lehren der Orthodoxen Kirche stehend. In den dreissiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hielt F. Golubinskij, ein bekannter Philosophieprofessor, an der Moskauer Akademie Vorlesungen über Swedenborg.
Über einen Zeitraum von zwanzig Jahren wurde eine ganze Anzahl von Swedenborgs theologischen Werken ins Russische übersetzt. Eine neue Übersetzung von »Himmel und Hölle« übte einen bedeutenden Einfluss auf zwei prominente Russen aus, Fjodor Dostojewski und Wladimir Solowjow. Der Umfang von Swedenborgs Einfluss auf Dostojewski wurde durch Czeslaw Milosz, dem Gewinner des Nobelpreises für Literatur von 1980, in zwei Artikeln, die beide unter dem Titel »Swedenborgs Einfluss auf Dostojewski« erschienen, aufgezeigt, der erste 1977 in seinem Buch »Emperor of the Earth« [Kaiser der Erde] und der andere in »Beginning with My Streets« [Mit meinen Strassen angefangen] (I.B. Tauris & Co. 1992, S. 163-177). Solowjow, der als der bedeutendste russische Philosoph des 19. Jahrhunderts betrachtet wird, war in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ein Leser Swedenborgs und schrieb für eine russische Enzyklopädie einen sechsseitigen, zwei Spalten breiten Artikel über Swedenborg.
Alexander Puschkin, der wahrscheinlich grösste Russische Dichter, wurde von seiner Schwester in Swedenborgs Schrifttum eingeführt und erwähnt ihn in seinem Werk »The Queen of Spades« [Die Schwertkönigin]. Zwei andere von Swedenborg beeinflusste Dichter des neunzehnten Jahrhunderts, deren späteren Gedichte als bedeutend galten, waren Fjodor Tjuttschew und Alexej Tolstoj (1817-1875), der eines seiner Gedichte mit »Swedenborg« betitelte. Und ein weiterer Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts, Alexander Herzen (1812-1870) erwähnte Swedenborg wiederholt in einer seiner Geschichten mit der Überschrift »It was on the 22nd of October 1917« [Es war am 22. Oktober 1917].
In etwas jüngerer Zeit gehörten der Dichter Alexander Blok (1880-1921), der Novellist und Dichter Dimitri Mereschkowski (1865-1941) und die Philosophen Nikolai Berdjajew (1874-1948) und Sergei Bulgakow (1971-1944) zu den von den theologischen Konzepten Swedenborgs beeinflussten Schriftstellern.
Im zwanzigsten Jahrhundert gab es eine beträchtliche Zeit unter der kommunistischen Herrschaft, während der Religion unterdrückt wurde und Swedenborg verboten war. In jüngster Zeit erlebt das Interesse an seinem Werk jedoch eine Renaissance. In Moskau wurde am Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften vom 13. bis 18. November 1994 eine Konferenz zum Thema »Swedenborg und die russische Tradition« abgehalten. Dabei wurde festgestellt, dass Russland das Land war, wo mehr von Swedenborgs Büchern verkauft wurden als in irgendeinem anderen Land der Welt. Kurz nach der Konferenz erfolgte im Februar 1995 die offizielle Registrierung der Russischen Swedenborg-Gesellschaft mit Plänen für Publikations-, Forschungs- und Bildungsprojekten.
Von da ab zeichneten sich weitere Aktivitäten ab. 2001 erschien eine neue Übersetzung von Swedenborgs »Ehelicher Liebe« ins Russische in einer ersten Auflage von 2000 Exemplaren, der 2002 eine 2. Auflage von 3000 Exemplaren folgte. Ebenfalls 2002 wurde ein monumentales Buch mit Cyriel Sigstedts Biographie »Das Swedenborg Epic« (die ersten 300 Seiten), »Himmel und Hölle« (400 Seiten), »Das neue Jerusalem und seine himmlische Lehre« und etwa 100 Seiten mit Auszügen aus »Apokalypse erklärt« herausgegeben.
Ausserdem bemühte sich in der Ukraine die Swedenborg-Gesellschaft von Dnjepropetrowsk und der Krim aktiv um die Übersetzung von Swedenborgs Werken ins Russische. Im Jahre 2000 veröffentlichte sie »Apokalypse revelata« (2 Bände), 2001 »Auszüge aus Arcana Caelestia«, »Das jüngste Gericht« und »Erden im Universum«, sowie 2003 »Arcana Caelestia« (Band 1) und 2004 »Propheten und Psalmen«. Seither setzte sie sich für ein »Korrespondenzwörterbuch« und den 2. Band von »Arcana Caelestia« ein.
Ich glaube, dass wir erwarten dürfen, in den nächsten Jahren sowohl aus Russland als auch aus der Ukraine weitere interessante Neuigkeiten über Swedenborg zu erhalten.