Die Pathologisierung eines Genies
Swedenborg hatte Visionen und Auditionen von der Welt jenseits des Todes. Er sprach mit den Engeln (so auch der Titel eines Buches des Swedenborg Verlags). Diese Mitteilungen und Eröffnungen über die höchst reale Welt des sogenannten Jenseits, in dem wir freilich in gewisser Hinsicht schon jetzt leben, stösst noch immer auf die weltanschaulichen Vorurteile des puren Diesseitsglaubens.
Daher ist es interessant zu beobachten, wie man mit dem Phänomen Swedenborg umgeht, sofern man überhaupt damit umgeht und es nicht einfach verschweigt. Olof Lagercrantz – in seinem jüngst im Suhrkamp Verlag erschienenen Buch »Vom Leben auf der anderen Seite« – mußte den Seher zum Dichter schrumpfen lassen, um Swedenborg verkraften zu können. Keine mit den eigenen Augen geschaute Wahrheit sei Swedenborgs Jenseitsbericht, sondern eine, freilich grossartige Dichtung, vergleichbar mit Gullivers Reisen.
Eine andere Methode, der weltanschaulichen Herausforderung des Visionärs Swedenborg auszuweichen, besteht darin, ihn für geisteskrank zu erklären. Daß dieser Weg keineswegs der Vergangenheit angehört, beweist das 1992 in 2. Auflage erschienene Buch von Prof. Dr. Karl Leonhard, »Bedeutende Persönlichkeiten in ihren psychischen Krankheiten«. Leonhard (1904 – 1988) war viele Jahre Direktor der Nervenklinik des Bereiches Medizin (Charité) der Humboldt-Universität zu Berlin, an der ich selber nach dem Mauerfall einige Semester studierte und in der Eingangshalle von Karl Marx begrüßt wurde.
Leonhard widmet Swedenborg ein ganzes Kapitel und diagnostiziert bei ihm eine »konfabulatorisch-phonemische Paraphrenie«. Leonhard schreibt: »Es gibt unter den Schizophrenen eine ›konfabulatorische Paraphrenie‹, die schon von Kraepelin beschrieben worden ist. Die Kranken bringen phantastische Erzaehlungen vor, sie sind auf anderen Erdteilen, auf der Sonne, auf den Sternen gewesen, fielen aus dem Flugzeug heraus, stießen mit einem Eisberg zusammen, führten Löwen spazieren u. a. m. Es gibt eine andere Schizophrenie, die ›phonemische Paraphrenie‹, bei der die Patienten ständig Stimmen hören, teils von Menschen, die aus der Ferne sprechen, teils von Geistern, die nicht sichtbar sind. Manchmal reden die Stimmen auch aus dem Hals oder aus dem Magen. Diese beiden Paraphrenien scheinen sich bei Swedenborg zu kombinieren. Man wird … darauf hingewiesen, da er von seinen Verbindungen mit Himmel, Hölle und Geisterwelt und von den Reden der Engel und Geister berichtet.« (248). Swedenborg litt also an einer kombinierten Paraphrenie, bei der »aus den Konfabulationen« dann »größtenteils Visionen« werden (258). Soweit die Konfabulationen von Prof. Dr. Karl Leonhard.
Wilson van Dusen, der sechzehn Jahre lang an einer der größten staatlichen Nervenheilanstalten Kaliforniens arbeitete, nahm Swedenborgs Visionen ernster und führte auf dieser Grundlage zahlreiche Gespräche mit seinen Patienten. Die erstaunlichen Entdeckungen, die er dabei machte, kann man in seinem Buch »The Presence of Other Worlds« (deutsch unter dem Titel »Der Mensch zwischen Engeln und Dämonen« erhältlich) nachlesen.